Rosario

Rosario – das Barcelona Argentiniens

Dass Argentiniens drittgrößte Stadt (ca. 1 Millionen Einwohner) diesen Beinamen trägt, ist zwar darauf zurückzuführen, dass es am Anfang des 20. Jahrhunderts innerhalb der Arbeiterbewegung in Rosario eine breite anarchistische Strömung gab. Doch auch heute gibt es zwischen beiden Städten Parallelen, die diesen Vergleich rechtfertigen. Denn wie Barcelona ist Rosario eine lebendige und boomende Wirtschafts- und Kulturmetropole, in der man Altes und Neues zu verbinden weiß, und ein hohes Maß an Lebensqualität entwickelt hat. Wie in Barcelona spielt dabei das Wasser eine wichtige Rolle. Im Falle Rosarios ist dies allerdings nicht das Meer, sondern „nur“ ein Fluss: der Río Paraná, der zweitlängste Fluss Südamerikas.
Der Río Paraná ist für die Entwicklung Rosarios von herausragender Bedeutung. Über lange Zeit war die im Nordosten des Landes gelegene Stadt nur ein kleines Nest, lediglich ein Posten, an dem sich zwei Handelswege kreuzten. Dies erklärt auch, weshalb Santa Fe und nicht Rosario trotz seiner heutigen Größe Provinzhauptstadt ist. Ab 1689 entwickelte sich die Stadt um eine Kapelle, die der „Virgen del Rosario“ gewidmet war und der die Stadt ihren katholischen Namen (auf Deutsch: Rosenkranz) zu verdanken hat. Die Siedlung entwickelte sich äußerst langsam. So langsam, dass Rosario erst Mitte des 19. Jahrhunderts den Stadttitel verliehen bekam. Als aber 1852 das Außenhandelsmonopol von Buenos Aires fiel, konnte die Entwicklung der Stadt nicht mehr gebremst werden. Denn bis zur Höhe von Rosario, das in einer der landwirtschaftlich bedeutendsten Regionen der Welt liegt, die auch als „Kornkammer der Welt“ bezeichnet wird, ist der Río Paraná für Ozeanfrachter befahrbar, sodass sich die Stadt schnell zum wichtigsten Hafen des Landes mauserte.
Den Titel des wichtigsten Hafens Argentiniens hat die Stadt zwar wieder an Buenos Aires abgegeben. Doch von großer wirtschaftlicher Bedeutung ist der Hafen noch immer, zumal die Stadt an einem geostrategisch wichtigen Punkt der Mercorsur-Staaten liegt, also der lateinamerikanischen Staaten, die einen gemeinsamen Binnenmarkt aufbauen. In den 60er Jahren fällte man bezüglich dem Hafen eine folgenschwere Entscheidung: seine Verlagerung an das südliche Ende der Stadt. Die alten, am Stadtzentrum gelegenen Hafenanlagen verrotteten in der Folgezeit über Jahrzehnte. In den 90er Jahren beschloss man jedoch 11 des insgesamt 17 km langen Ufers neu zu gestalten. Dieses gigantische und weit fortgeschrittene, aber noch nicht abgeschlossene Städtebauprojekt gilt schon jetzt als eines der erfolgreichsten seiner Art und wurde daher schon mehrfach ausgezeichnet: dort, wo einst Schiffe anlegten, Waren gelagert und verladen wurden, ist ein riesiges Freizeitparadies entstanden: Es gibt Bars, Restaurants und Kulturzentren. Ebenso gibt es viele Freiflächen und Wiesen, wo man sich zum Mate trinken, Musik und Sport machen trifft.
Aber nicht nur die neue Ufergestaltung macht Rosario zu einer lebens- und liebenswerten Stadt. Dazu trägt ebenso bei, dass man in der Stadt, die als einzige in Argentinien seit vielen Jahren einen sozialistischen Bürgermeister hat, zahlreiche Programme aufgelegt wurden, die die Bürger dazu animieren sollen, sich in der Stadt zu engagieren und die es ihnen ermöglicht, an politischen Entscheidungsprozessen teilzuhaben. Nicht umsonst ist die Stadt bereits mehrfach international ausgezeichnet worden. Im Rathaus hat man außerdem den Wert des architektonische Erbes erkannt, und dass es für ein gutes städtisches Klima unabdingbar ist, die oft sehr prachtvollen Gebäude aus der Zeit um 1900 zu bewahren. Deshalb hat man in der Stadt mehrere Denkmalschutzzonen eingerichtet. Die eindrucksvollsten Gebäude findet man in der Fußgängerzone und um die Plaza San Martin, hierzu gehören z.B. die Juristische Fakultät der Universidad de Rosario und der Gouvaneurssitz.
Aber das wohl auffälligste Bauwerk der Stadt, das gleichzeitig ihr Wahrzeichen ist, ist das wahrhaft monumentale „Monumento a la Bandera“ (das Denkmal für die Nationalflagge). Das 1957 eingeweihte Denkmal wurde hier errichtet, da hier der Nationalheld Manuel Belgrano, einer der wichtigsten Generäle der argentinischen Unabhängigkeitsbewegung, während der so genannten Mai-Revolution im Jahr 1812 an diesem Ort zum ersten Mal die von ihm entworfene argentinische Nationalflagge hisste. Zu dem voller Symbolik steckenden Gebäude gehört unter anderem ein 70 Meter hoher Turm und ein Museum, in dem die Originalfahne Belgranos ausgestellt wird. Der eine steht staunend, der andere schaudernd vor diesem Denkmal. Der hier zur Schau gestellte Nationalismus mag gerade auf deutsche Besucher befremdlich wirken. Doch in Argentinien sieht man hierin nichts Anstößiges und die Fahne wird als das Identifikationsobjekt der multikulturellen argentinischen Nation schlechthin gesehen. Nicht ohne Grund ist der Todestag Belgranos, der als „Día de la Bandera“ gefeiert wird, einer der wichtigsten argentinischen Feiertage. Dieser Tag wird in Rosario natürlich besonders groß gefeiert. Er ist hier der Höhepunkt einer ganzen Festwoche.
Wie bereits erwähnt, ist Rosario eine Kulturmetropole. Es gibt zahlreiche Museen, darunter einige der landesweit besten und interessantesten. Dazu gehören das Museo Municipal de Bellas Artes „Juan B. Castagnino“, das als zweitbestes Kunstmuseum Argentiniens gilt, dann das Museo de Arte Contemporáneo de Rosario, das die größte Sammlung moderner Kunst in Argentinien besitzt. Aber nicht nur die Sammlung, sondern allein das Gebäude ist einen Besuch wert. Das Museum befindet sich in alten Hafensilos und erhält alle drei Jahre einen neuen Anstrich. Ein weiteres sehenswertes Museum ist das Museo de la Memoria, denn es war das erste seiner Art in Argentinien und eines der ersten in Lateinamerika: Im Museum geht es um die Menschenrechtsverletzungen während der letzten argentinischen Militärdiktatur (1976–1983).
Rosario ist bekannt für seine große Theaterszene. Rechnet man große und kleine Bühnen zusammen, kommt man auf über 30 Theater, womit die Stadt die größte Theaterdichte Argentiniens vorweist. Da der Geschmack des Rosariner Publikums von den Künstlern sehr geschätzt wird, finden die Premieren oft in Rosario statt, um zu sehen, wie gut ein Stück beim Publikum ankommt.

Natürlich hat Rosario auch in Sachen Musik einiges zu bieten und das Angebot wird bald in besonderer Weise geadelt werden: am Ufer des Paranás entsteht derzeit nach den Plänen des inzwischen verstorbenen brasilianischen Stararchitekten Oscar Niemeyer auf einem 3 ha großen Gelände ein Konzertsaal und ein Open-Air-Stadion. Zum kulturellen Angebot der Stadt gehören auch verschiedene Feste und Festivals. Zu den populärsten zählen das Jazzfestival, das Fest der Einwandergruppen und die Kunstwoche.

Aber auch im nicht hochkulturellen Bereich gibt es in Rosario ein ziemlich attraktives Freizeitangebot. Neben einer großen und guten Auswahl an Bars, Restaurants und Clubs und den bereits erwähnten Möglichkeiten auf dem ehemaligen Hafengelände, gibt es geradezu ein Überangebot an verschiedenen Märkten, die vor allem am Wochenende stattfinden. Darunter sind Märkte für Second-Hand-Mode, Antiquitäten, Bücher, Kunsthandwerk.

Wer im Sommer eine Abkühlung braucht, kann zum Baden im Río Paraná an das nördliche Ende der Stadt fahren, wo ein reges Strandleben stattfindet. Unter anderem werden auch Kajaks ausgeliehen. Wer es ruhiger mag und mehr Natur um sich haben möchte, lässt sich mit einem der Wassertaxis oder Ausflugsboote auf eine der Inseln oder an das gegenüberliegende Ufer bringen. Ein Vorteil ist dabei, dass dort das Wasser eine bessere Qualität hat. (Die rot-braune Wasserfärbung hat mit dem Untergrund zu tun und nicht mit Verschmutzung).

Rosario wird von vielen Argentinien-Touristen als Zwischenstopp angesteuert, bevor sie weiter zu den Sehenswürdigkeiten im Nordosten des Landes, wie z.B. den Iguazú-Wasserfällen oder den Jesuitenreduktionen, fahren. Buenos Aires ist lediglich 300 km und Córdoba nur 400 km entfernt, was für argentinische Verhältnisse kurze Strecken sind. Wer sich nun aber in Reiseführern informieren möchte, was es im Umland von Rosario Interessantes zu entdecken gibt, wird dort in der Regel nichts finden. Und in der Tat gibt es nicht allzu viel zu entdecken. Die Attraktivität von Victoria, einer kleinen Stadt, die auf der anderen Seite des Paranás liegt, hält sich eher in Grenzen. Aber immerhin hat die Stadt Thermalquellen, sodass ein Besuch durchaus in Erwägung zu ziehen ist. Ungefähr zwei Autostunden nördlich von Rosario liegen die Städte Santa Fé und Paraná, deren Besuch sich wegen einer schönen, teils kolonialen Architektur mit morbidem Charme lohnt. Interessant ist auf jeden Fall der Besuch der Ruinen bei Cayastá, dem ursprünglichen Siedlungsort von Santa Fé, der wegen zu häufiger Überschwemmungen aufgegeben wurde. Weitere Orte, die einen Besuch wert sind, sind Puerto Gaboto, wo sich die Ruinen des ältesten spanischen Forts in Argentinien befinden; die Agrarkolonie „Esperanza“ aus dem 19. Jahrhundert und das Städtchen Moisés Ville, das im 19. Jahrhundert von jüdischen Flüchtlingen aus Russland gegründet wurde. Diesem Umstand ist auch die eher unbekannte Tatsache geschuldet, dass viele Gauchos Juden waren. In Moisés Ville, das einst das Jerusalem Argentiniens genannt wurde, ist heute nur noch eine Minderheit jüdisch, trotzdem haben sich viele jüdische Traditionen erhalten.

Zu guter Letzt sei noch erwähnt, dass Rosario die Geburtsstadt eines weltberühmten Argentiniers ist: Der marxistische Revolutionär und Guerillaführer Ernesto „Che“ Guevara wurde in Rosario geboren, lebte aber nur wenige Monate dort. Weder an seinem Geburtshaus, das einer Versicherungsgesellschaft gehört, ist eine Informationstafel angebracht, noch gibt es ein Museum für den berühmtesten Sohn der Stadt. Doch seit 2011 gibt es die Bildungseinrichtung „Centro de Estudios Latinoamericanos Ernesto Che Guevara“, die sich zum Ziel gesetzt hat, lateinamerikanisches Gedankengut, vor allem das von Ernesto Che Guevara zu erforschen und zu verbreiten und darüber hinaus die lateinamerikanische Gemeinschaft und Integration zu stärken.

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