Santiago de Chile

Home / Zum Praktikum / Praktikumsorte / Santiago de Chile

Santiago de Chile

Die Santigueños, die Bewohner von Santiago de Chile, behaupten „Santiago es Chile“. Sicherlich, in Santiago findet man einiges, das typisch für Chile ist (z.B. den Kontrast zwischen Arm und Reich oder den Kontrast von Moderne und Tradition) , aber auch einiges, das eher untypisch ist und die Stadt vom Rest des Landes unterscheidet (z.B. an Europa erinnerndes Großstadtflair) bzw. findet man hier Typisches gerade nicht (z.B. die Einsamkeit, wie sie für weite Teile Chiles charakteristisch ist. Ebenso fehlt das Meer). Also könnte man genauso gut behaupten „Santiago no es Chile“. Sicher ist jedoch, dass sich in der Metropolregion Santiagos, im Talkessel zwischen Küstenkordillere und Andenkordillere, die hier auf über 5000 Meter ansteigt, über 6 Millionen Menschen wohnen und damit mehr als 40% der Gesamtbevölkerung Chiles.
Zu den Tatsachen über Santiago gehören auch, dass die Stadt im Vergleich zu einigen anderen lateinamerikanischen Hauptstädten vergleichsweise klein ist, sie weniger gehypt wird und daher auch nicht so stark von Touristen frequentiert wird, wie z.B. Buenos Aires. Dafür ist die Stadt auch wesentlich sicherer und das Verkehrschaos ist überschaubar, sodass sogar immer mehr Leute wagen mit dem Rad zu fahren. Santiago gehört auch nicht zu den Städten, die wirklich reich an großartigen Sehenswürdigkeiten ist, und wenn man die Stadt auf ihrer Hauptachse, der Avenida Libertador Bernardo O’Higgins, genannt Alamade, die ab dem Plaza Baquedano in die Avenida Providencia übergeht, durchquert, fragt man sich wahrscheinlich, was an dieser Stadt reizvoll sein soll. Doch Santiago ist eine reizvolle Metropole, die ihre Reize nicht zur Schau stellt. Es gilt sie zu entdecken.
Gründungsvater Santiagos ist der wegen seines taktischen Geschicks und seiner Grausamkeit bekannte Konquistador Pedro de Valdivia. Valdivia war zur Eroberung Chiles von Cusco in Peru mit einem fast schon lächerlich kleinen Trupp aufgebrochen und kam nach einer komplizierten und entbehrungsreichen elfmonatigen Reise am 13. Dezember 1540 im Tal des Río Mapocho an. Dort befand sich am Ort des heutigen Herzens von Santiago, der Plaza de Arma, ein Verwaltungszentrum der Inka, das Valdivia von seinen Männern, nachdem sie den heutzutage stark verschmutzten, cappuccinofarbenen Río Mapoche überquert hatten, besetzen ließ. Dies geschah in der Absicht die Gegend unter Kontrolle zu bringen. Zwei Monate später, am 12. Februar 1541, gründete Valdivia die heutige Hauptstadt Chiles und verlieh ihr in Anlehnung an Santiago de Compostela ihren Namen. Die erste Zeit gestaltete sich für die Spanier schwierig: Völlig isoliert vom Rest der Welt war man den ständigen Attacken der indigenen Bevölkerung ausgesetzt, Lebensmittel und auch Kleidung waren knapp. Erst im Dezember 1543, also drei Jahre nach der Ankunft, konnte dieser Zustand durch einen Hilfstrupps von 70 Soldaten beendet werden. Von nun an war Santiago gesichert und wurde zum Ausgangspunkt der weiteren Kolonialisierung Chiles.
Trotz der frühen Gründung findet man in Santiago – wie in Chile insgesamt – nur wenige Gebäude aus der Kolonialzeit. Dies liegt zum einen daran, dass die Stadt im Laufe ihrer Geschichte immer wieder von schweren Erdbeben heimgesucht wurde. Zum anderen gehörte Chile ökonomisch gesehen eher zu den unwichtigen spanischen Kolonien. Zu den wenigen Gebäuden aus der Kolonialzeit gehören unter anderem die Iglesia de San Francisco, die Catedral Metropolitana am Plaza de Armas und der klassizistische Präsidentenpalast, dessen Namen „Palacio de la Moneda“ darauf verweist, dass hier einmal Chiles Münzprägeanstalt beheimatet war.
Dennoch findet man in Santiago viele ältere Gebäude, nämlich aus der zweiten Hälfte des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dies war die Zeit, in der in Chile die Industrialisierung stattfand und Santiago sich zum Handels- und Finanzzentrum entwickelte, wodurch immer mehr Menschen nach Santiago zogen. Die prachtvolle Architektur, z.B. der Häuser im Bankenviertel, zeugt davon, dass Chile in dieser Zeit wirtschaftlich florierte. Doch vom wirtschaftlichen Boom profitierte vor allem eine kleine Oberschicht, diese aber in erheblichem Maße. Beispielhaft stehen hierfür die Stadtpaläste der Familien Cousiño und Errázuriz, die beide im Bergbau reich geworden waren. Die starken Einkommensunterschiede, wie es sie auch heute in Chile noch gibt (Chile gehört hier weltweit zu den Spitzenreitern) haben also eine lange Tradition. Trotz dieser Einkommensunterschiede ist Armut in Chile weniger stark ausgeprägt als in vielen anderen lateinamerikanischen Ländern. Und auch wenn die einzelnen Einkommensschichten in unterschiedlichen Stadtteilen getrennt wohnen und es auch eindeutige Armenviertel gibt, wirkliche Slumsiedlungen findet man in Santiago nicht. Dies mag auch ein Grund dafür sein, dass – wie in Chile insgesamt – in Santiago Gewaltdelikate selten vorkommen.
Aber nicht nur die frühe Moderne hat ihre Spuren in Santiago hinterlassen, auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde in Santiago viel gebaut, da die Einwohnzahl rasant stieg. Von den 50ern bis in die 90er stieg die Einwohnerzahl von 1 auf über 5 Millionen. Gerade in den 80er Jahren entstanden viele charakterlose Hochhäuser. Umso mehr ist es zu begrüßen, dass die heutige Hochhausarchitektur weitaus eleganter ist und man sogar sagen kann, dass Santiago anderen Städten etwas vormacht. Gerade in Providencia, einem Stadtteil der oberen Mittelschicht, findet man grandiose Hochhausarchitektur, die viele in Lateinamerika wohl nicht erwarten würden. In diesem Stadtteil steht auch das sogenannte Costanera Center, ein Mix aus Luxusappartements, Büros, Shoppingcenter und Vergnügungsangeboten. Zum Gebäudekomplex gehört auch der an einen Tannenzapfen erinnernde Gran Torre Costanera. Er ist mit 70 Etagen und 300 Metern das höchste Gebäude Lateinamerikas.
Da „die Chilenen“ Shoppingcenter lieben, lieben sie natürlich auch ihr Costanera Center und es ist nicht ungewöhnlich, dass man auf die Frage nach einem Freizeittipp, ein  Shoppingcenter empfohlen bekommt. Doch wer am stumpfsinnigen Konsumieren keine Freude hat, findet in Santiago zum Glück jede Menge anderer Möglichkeiten.
Wer gerne bummelt, der kann zum Beispiel durch Santiagos Fußgängerzone im Zentrum schlendern, wo viele Businessleute vor der Arbeit oder in einer Arbeitspause  einen Kaffee mit einer Medialuna verdrücken oder sich zum Mittagessen treffen. Aber man trifft hier genauso gut Studenten, Schüler, Rentner und auch Straßenhunde – damit man nicht vergisst, dass man in Chile ist.
Ebenso attraktiv und unterhaltsam ist es, auf der Plaza de Armas, dem traditionellen Herzen der Stadt vorbeizuschauen.  Hier ist immer etwas los. Flankiert von einigen der stattlichsten Gebäude Santiagos kann man dem bunten Treiben zusehen und chilenisches Flair pur haben: Familien mit spielenden Kindern, schachspielende Männer, Luftballon- und Süßigkeitenverkäufer, Schuhputzer, zur Umkehr und Buße aufrunde evangelikale Christen, Straßenmusikanten und andere Straßenkünstler.
Wer vom Bummeln noch nicht genug hat oder Hunger verspürt, der braucht nur wenige Meter weiter gehen. Dort befindet sich der schöne, alte  Mercado Central, auf dem man nicht nur die Vielfalt sondern auch die teils absonderlichen Dimensionen des chilenischen Obsts und Gemüses bestaunen kann. Außerdem kann man sehen, was die Chilenen alles aus dem Pazifik holen und sogar essen.  Wer Lust hat, kann sofort vor Ort probieren, denn es gibt hier jede Menge Restaurants.
Allerdings ist der Mercado Central – wie sich an den als Huasos (ein tradioneller chilenischer Landarbeiter) verkleideten Folkloremusikanten unschwer erkennen lässt – ein touristischer Ort und entsprechend sind die Preise hier etwas höher. Doch man muss nur die Brücke über den Rio Mapocho überqueren. Dort befindet sich ein weiterer Markt und dahinter befindet sich noch einer und dahinter noch einer. Hier ist es deutlich weniger schick, aber die Preise auch deutlich niedriger und die Märkte auch authentischer. Die teils etwas dunklen Hallen sollten nicht abschrecken, der Ort ist ungefährlich. Auch die Köche chilenischer Spitzenrestaurants gehen hier einkaufen. Aber wer ein sensibles Näschen hat oder Ekel vor Schweineköpfen etc., der sollte diesen Ort meiden. Möchte man hier an einem Stand essen, was man durchaus empfehlen kann, sollte man jedoch darauf achten, wie es dort um die Hygiene bestellt ist.
Eine weitere kostengünstige Möglichkeit, sich in Santiago die Zeit zu vertreiben, ist, durch die Barrios zu ziehen und dort abseits der großen Verkehrsstraßen und des Großstadtlärms und -trubels auf Entdeckungstour nach Ruheoasen und architektonische Schätzen zu gehen. Überall gibt es wahre Kleinode zu entdecken. Zum Beispiel im Barrio Bellas Artes oder im Barrio Brasil, das langsam im Kommen ist. Auch das Barrio Bellavista ist tagsüber einen Besuch wert, bevor man sich hier abends zur carrete (ein Chilenismo für „Party“) trifft.
Das Barrio Bellavista, das mit seinen vielen alten, ein- bis zweistöckigen, bunten Häuschen und Straßenbäumen ein charmantes und bohemienhaftes Flair ausstrahlt, ist das Ausgehviertel Nr. 1 in Santiago. Das Angebot ist breit. Man findet einfache, aber auch schickere Restaurants, Bierkneipen und Cocktailbars, Diskos, Kleinkunsttheater und Orte für Konzerte. Etwas schicker geht es in dem vor ein paar Jahren eröffneten Patio Bellavista zu, mit dem versucht wurde, das Viertel aufzuwerten. Tatsächlich ist es hier den Architekten gelungen, eine moderne aber nicht sterile Atmosphäre zu schaffen, aber zum Glück konnte das Viertel seinen Charakter bewahren und es gibt nach wie vor viele einfache und „zünftigere“ Orte, in denen man statt Sushi einen Completo oder eine Chorillana bekommt, um sich eine gute Grundlage für eine lange Nacht im Barrio Bellavista zu schaffen. Neben dem Barrio Bellavista findet man einige gute Ausgehmöglichkeiten im Barrio Bellas Artes oder in Seitenstraßen in Providencia.
Natürlich gibt es auch für Kulturinteressierte in Chiles Hauptstadt ein vielfältiges und qualitativ ansprechendes Angebot, das sich sehen lassen kann, auch wenn Santiago nicht als kulturelles Mekka gilt und es hier und da noch Verbesserungsbedarf gibt. Dies trifft z.B. auf die Museumslandschaft zu, um die es in Chile insgesamt nicht besonders gut bestellt ist. Aber in Santiago gibt es einige sehenswerte Museen, dazu gehören z.B. das Museo Chileno de de Arte Precolombiano und die Kunstmuseen Bellas Artes und das Museo de Arte Contemporaneo, die sich beide im selben Gebäudekomplex befinden . Zu empfehlen ist auch das Wohnhaus von Chiles Literaturnobelpreisträger Pablo Neruda, der einen einzigartigen Einrichtungsgeschmack besaß. Wer sich für chilenische Geschichte interessiert, sollte auf jeden Fall das erst vor wenigen Jahren eröffnete Museo de Derechos Humanos besuchen, das den Opfern der Pinochet-Diktatur gewidmet ist und einen Besuch wert ist auch das Gelände, auf dem sich einst die Villa Grimaldi, ein Folterzentrum der Pinochet-Diktatur, befand.
Kinoliebhaber haben es in Santiago etwas schwerer. Die Auswahl an guten Kinos ist beschränkt. Nur in der Cinetca Nacional, das sich im Centro Cultural La Moneda unterhalb des Präsidentenpalasts befindet, und in einem kleinen Programmkino im Barrio Lastarria werden Filme gezeigt, die nicht Mainstream sind. Die anderen, „besseren“ Kinos haben geschlossen.Übriggeblieben sind Blockbusterkinos von Kinoketten, die sich oft in Shoppingmalls befinden.
Ein gutes Angebot gibt es im Bereich Theater, Ausstellungen, Konzerte. Gute Adressen sind hier z.B. das nach der chilenischen Literatur-Nobelpreisträgerin benannte Kulturzentrum Gabriela Mistral (kurz: GAM ) und das Kulturzentrum im ehemaligen Bahnhof Estación Mapocho. Außerdem gibt es über das Jahr verteilt verschiedene Kunstfestivals. Über ein mangelndes Angebot wird man sich also nicht beschweren können.
Wer vom Trubel der Großstadt eine kleine Verschnaufpause braucht oder im Sommer Abkühlung sucht, hat hierzu in einem der Parkanlagen Santiagos Gelegenheit. Zwei Parkanlagen stechen im wahrsten Sinne des Wortes hevor: nämlich der Cerro Santa Lucia und der Cerro San Cristobal. Beide Hügel sind Ausläufer der Anden und sind die einzigen Erhebungen im ansonsten flachen Santiago. Der kleinere Cerro Santa Lucia befindet sich am Rande des Stadtzentrums. Die sich dort einst befindliche Befestigungsanlage wurde geschliffen und heute findet man dort schattige Wegchen, kleine Plätze, Brunnen und Statuen. Der Cerro ist ein beliebter Ort von chilenischen Jugendlichen, um physische und verbale Zärtlichkeiten auszutauschen – oder wie der Chilene sagen würde, „para pololear“.
Auf den weitaus größeren Cerro San Cristobal kann man auch mit dem Auto, einer Standseilbahn und einer Seilbahn fahren. (Aber es gibt auch Fußwege). Auf dem Cerro gibt es einen Zoo, einen Botanischen Garten, Restaurants und Picknickplätze. Ganz oben auf dem Hügel befindet sich außerdem ein Wallfahrtsort mit einer riesigen Marienstatue.
Wer nun in Santiagos Parkanlagen nicht ausreichend Erholung von der Großstadt findet, braucht zum Glück nicht weit zu fahren. In unmittelbarer Nähe befindet sich die Schlucht des Rio Maipo, der sogenannte Cajon del Maipo. In diesem Tal kann man Weingüter besuchen und eine Vielzahl von Restaurants laden dazu ein, in idyllischer Umgebung traditionelle chilenische Küche zu genießen. Entspannung kann man aber auch in einer der Thermen finden, die man dank der vulkanischen Aktivität in Chile oft findet. Aber auch Outdoor und- Naturfreunde kommen auf ihre Kosten. Man kann reiten, Kajak fahren oder raften und auch bei Radsportlern ist das Tal beliebt. Ebenso gibt es Wander-, Picknick-, Zelt- und Bademöglichkeiten in mehreren Naturreservaten, in denen man auch seltene Tier- und Pflanzenarten findet.
Wer Wintersport liebt, für den ist Santiago ein sehr guter Ort, denn die Anden beginnen unmittelbar an der Stadtgrenze Santiagos und in der Nähe befinden sich mehrere Skigebiete. Man kann einige unattraktivere Skigebiete auch mit einem Tagesausflug besuchen. Für die besseren ist es jedoch angeraten, eine Übernachtung einzuplanen.
Ländliches Idyll findet man trotz einiger Touristen auch in Pomaire, einem kleinen Ort in der Nähe Santiagos, der für die Produktion von „greda“ (einer für Chile typischen Keramikart) bekannt ist. Beliebt ist Pomaire aber nicht nur wegen der Keramik, sondern auch wegen seiner guten Küche. Zahlreiche, eher einfache Restaurants bieten unterschiedliche Empanadas, Pastel de Choclo, Grillfleisch und andere chilenische Spezialitäten an und über die Größe der Portionen kann man sich ganz sicher nicht beschweren.
Schließlich ist auch das Meer nicht weit von Santiago entfernt. Neben kleineren Küstenorten ist natürlich die Hafenstadt Valparaíso einen Besuch wert, auch wenn man dort natürlich auch wieder in einer Stadt ist.
AnfrageformularDownload

Zurück zu den Praktikumsorten

Kontaktiere uns