Talca, Paris y Londres

- diese zum Schmunzeln oder sogar lauten Lachen anregende Phrase ist in Talca allgegenwärtig und war sogar Namensgeber einer beliebten Busgesellschaft. Ob jedoch die Pariser und Londoner das 300 Kilometer südlich von Santiago an der Panamericana gelegene Talca kennen, ist zweifelhaft. Zwar ist Talca auch Hauptstadt, nämlich der Regíon de Maule, aber die Séptima Región (siebte Region) – ist eine ziemlich ländlich geprägte Region, sie ist konservativ und hinkt der Zeit ein wenig hinterher. Und auch Talca spiegelt den Charakter seiner Region wieder. Trotz seiner über 200.000 Einwohner wirkt die Stadt kleinstädtisch und gemächlich.
Woher kommt dann aber die absurde Idee, Talca, Paris und London zusammen in einem Atemzug zu nennen? Der Ursprung der Phrase ist unklar. Es gibt aber zwei Theorien. Zum einen wird vermutet, dass es in Talca einst einen Hutverkäufer französischer Abstammung gab und auf den Hutetiketten eben jene Phrase stand. Die zweite Theorie besagt, dass sie von der Aussage eines Engländers „Talca parece Londres“ (Talca ähnelt London) herrühre. Eine Anspielung auf den vielen Nebel zur Winterzeit in Talca.

Als Talca 1692 in Nachbarschaft zu einer Goldmine gegründet wurde, stand es nicht an seinem heutigen Platz. Dort steht heute die Stadt Maule. Talca wurde 1742 ein wenig nördlicher ein weiteres Mal gegründet. 1796 erhielt sie dann durch den spanischen König Carlos IV den Stadttitel. Auch wenn Talca heute unter den chilenischen Städten nur Platz 13 einnimmt und eher unbedeutend erscheint, hatte es durch seine zentrale Lage zwischenden größten Städten des Landes, Santiago und Concepción, historisch gesehen an der Entwicklung des chilenischen Staates, der Nation und Kultur entscheidenden Anteil. So gehörte die Stadt auch zu den wichtigen Schauplätzen, während Chile gegen Spanien um seine Unabhängigkeit kämpfte. Nicht nur größere Schlachten fanden hier statt, sondern Talca war auch der Ort, wo am 12. Februar 1818 der Befreiungskämpfer Bernado O´Higgings die Unabhängigkeits-urkunde unterzeichnete. Der historische Ort der Unterzeichnung wird heute als Geschichts- und Kunstmuseum genutzt.

Der talquiner Stadtadel war stolz und lokalpatriotisch. Dies führte dazu, dass sich Talca 1833 von der Provinz Colchagua trennte. Die neu gegründete Provinz Talca zeigte sich auch weiter aufmüpfig und legte sich mit der Zentralgewalt in Santiago an. Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Stadt durch den aufstrebenden Agrarsektor rasch. Die Stadt wurde an das Eisenbahnnetz angeschlossen, eine Straßenbahn wurde verlegt, ein Theater gebaut und nach und nach kamen neue Stadtteile hinzu.

Der Blütezeit wurde 1928 durch ein verheerendes Erdbeben bei dem 75 % der Stadt zerstört wurden ein jähes Ende gesetzt. Gepaart mit der Weltwirtschaftskrise und der starken Zentralisierung konnte sich Talca aus diesem Tiefschlag nicht erholen. Viele Menschen zogen in die nahe gelegene Hauptstadt Santiago. So verlor Talca seine nationale Bedeutung und Wirtschaftskraft.

Ab den 50er Jahren ging es mit Talca wieder aufwärts. Durch Zuzug von Landbevölkerung stiegen die Einwohnerzahlen auf das ursprüngliche Niveau und Stück für Stück bauten sich auch wieder der Handel und die Industrie auf. Nach wie vor bilden die Landwirtschaft und die landwirtschaftliche Produkte verarbeitende Industrie das ökonomische Rückgrat der Region. Das wichtigste Agrarerzeugnis ist der Wein. 45% des chilenischen Weins werden in der Gegend um Talca produziert. Die Bedingungen für den Weinanbau sind optimal: ein mediterranes Klima mit viel Sonne und kühlen Nächten, fruchtbare Vulkanerde, trockene Luft, aber reichlich Wasser, das von den Anden kommt.

Die Stadt machte in den letzten Jahrzehnten in ihrer Entwicklung große Fortschritte. Großen Anteil daran hatte die Gründungen der staatlichen Universität „Universidad de Talca“ im Jahr 1981, denn die Universität sieht sich als sozialer, ökonomischer und kultureller Motor der Region. Die positive Entwicklung der Stadt erhielt im Februar 2010 jedoch einen starken Dämpfer. Chile wurde durch ein Erdbeben der Stärke 8,8 heimgesucht und die Region Maule gehörte zu den mit am stärksten betroffenen Regionen. Es gab zahlreiche Todesopfer und Talca verlor einen Großteil seiner historischen Bausubstanz. Die Aufbauarbeiten dauern bis heute an. 
Durch das Erdbeben hat Talca nicht nur die meisten kolonialen Häuser verloren, sondern auch viel von seinem idyllischen und verträumten Charme. Dort wo einst bunte einstöckige Häuser mit großen schweren Holztüren standen, sind jetzt noch viele Brachflächen, schmucklose Neubauten oder es werden Hochhäuser gebaut. Aber auch so genannte media-aguas, die Notunterkünfte findet man noch. Dennoch, ein paar schöne Ecken zum Wohlfühlen sind erhalten geblieben.

Wie in jeder chilenischen Stadt ist auch in Talca die Plaza de Armas der zentrale Punkt. Aber in Talca ist sie wirklich außerordentlich schön. Hohe prächtige Bäume und blühtenprächtige Sträucher zieren den Platz. Familien suchen hier ein schattiges Plätzchen und spendieren ihren Kindern eine Runde mit den etwas in die Jahre gekommenen Bobbycars und eine Zuckerwatte. Um die Plaza stehen unter anderem die im italienischen Renaissancestil gebaute Kathedrale und das historische Verwaltungsgebäude der Stadt, das durch das Erdbeben eine Etage verlor.

Wie mit der Plaza de Armas verhält es sich mit Talcas Alameda. Die Alameda ist eine von Bäumen gesäumte Prachtstraße, die sich eigentlich in jeder etwas größeren chilenischen Stadt befindet. Und in Talca ist auch sie wieder besonders schön. Sie lädt zum flanieren oder auch zum Joggen ein. Am Ende der Alameda stehen seit Kurzem auch einige festinstallierte Sportgeräte, die alle Sportbegeisterten nutzen können. Die Alameda ist ein guter Ort, um das typische chilenische Erfrischungsgetränk „Mote con Huesillo“ zu trinken. Noch besser ist es jedoch, hierfür bis zur Uferpromenade zu laufen. Das bunte Treiben dort ist wirklich ein Spektakel. Wer großen Hunger hat, wechselt am besten die Uferseite. Dort gibt es typische chilenische Hausmannskost. Vorzüglich im Geschmack und preislich unschlagbar. Dies ist wohl einer der Vorteile der Stadt: da die Region landwirtschaftlich geprägt ist, schmeckt hier das Essen nicht nur besser, sondern auch die Lebenshaltungskosten sind geringer als an vielen anderen Orten.

Eine weitere Möglichkeit sich gut und preiswert den Bauch vollzuschlagen ist der Markt. Die alte durch das Erdbeben schwer beschädigte Markthalle wartet leider noch auf ihre Instandsetzung, aber die Marktfrauen und –männer haben sich zu helfen gewusst, sodass man hier auf dem Markt nicht nur seine Einkäufe tätigen und etwas essen kann, sondern auch einen Einblick in chilenische Improvisationskünste und die chilenische Steh-auf-Männchen-Mentalität gewinnt.

Will man sich der chilenischen Lebenskultur hingeben, muss man natürlich regelmäßig ein Asado (eine Art Grillgelage) machen. In Talca gibt es dafür zwei besonders schöne Orte. Zum einen kann man auf den Cerro de la Virgen fahren und dann bei choripán (einer Grillwurst im Brötchen) auf die Stadt, den Rio Claro und die Anden mit dem herausstechenden Vulkan Descabezado – dem Geköpften – blicken. Die zweite Möglichkeit ist, zum Campus der Universidad de Talca zu fahren, denn in einem Waldstück des sich im Aufbau befindlichen botanischen Gartens der Uni gibt es angelegte Grillplätze, wo man sich auch bei Höchsttemperaturen noch gut zum Grillen treffen kann.
Natürlich ist Talca kein Mekka für Kulturliebhaber, aber eine Kulturwüste ist es auch nicht. Immerhin besitzt die Stadt mit dem 2005 eröffneten Regionaltheater, das Platz für 1000 Gäste hat, das modernste Theater in ganz Lateinamerika. Aber nicht nur Theater, sondern auch Ballett, Opern und Konzerte stehen auf dem Programm. Auch die Universität, an der man Schauspiel, Gesang und Musik studieren kann, lädt regelmäßig zu Aufführungen ein. Als Förderer der Kunst zeigt die Universidad de Talca auch regelmäßig qualitativ hochwertige Ausstellungen und hat es geschafft, dass Talca sich in der Kunstszene zumindest landesweit einen Namen gemacht hat. So befindet sich auch über das Campusgelände der Universität ein Skulpturenpark verteilt, der eine Rundumschau der besten heimischen Arbeiten der letzten Jahrzehnte bietet.
Ein Höhepunkt im Veranstaltungskalender der Stadt ist die seit einigen Jahren immer im Februar stattfindende „Semana de la Independencia“. Das Fest anlässlich der Unabhängigkeitserklärung Chiles ist vielmehr ein Festival mit vielerlei Veranstaltungen. Unter anderem wird am Ufer des Rio Claro eine Festwiese mit riesiger Bühne aufgebaut, wo Musiker und Bands von nationalem Rang und Namen Konzerte geben – und das alles gratis!

Kinoliebhaber hatten es lange Zeit schwer in Talca, denn außer einem Blockbuster-Kino in Talcas Shopping-Mall gab es außer einigen Filmveranstaltungen der Universität nichts. Doch nun hat das alte Kino an der Plaza wieder eröffnet. Hier lohnt der Besuch allein schon aufgrund der Architektur und der originalen Bestuhlung. Doch auch das Filmangebot, wenn auch nicht gerade reichhaltig, ist annehmbar.

In punkto Nachtleben hat Talca als Uni-Stadt natürlich etwas im Angebot – wenn auch mal wieder, um seinem Ruf als Provinzstadt gerecht zu werden – in bescheidenem Maße. Aber unter diesem Angebot befinden sich ein paar ganz nette Bars, wo man auf der Terrasse seinen Pisco-Sour schlürfen kann. Auch Kneipen mit Live-Musik, Karaoke-Bars und Diskos, sogar eine Queer-Disko – wer hätte das gedacht – stehen den Nachtschwärmern zur Verfügung.

Wem das Nachtleben in Talca jedoch nicht zusagt, der braucht am Wochenende keine Däumchen zu drehen, denn Talca liegt inmitten einer traumhaften Landschaft und ist umgeben von zahlreichen lohnenswerten Exkursionszielen. In Richtung Anden, deren Gipfel hier bis über 4000 m hinausragen, liegen abseits der Touristenströme zum Beispiel der Parque Nacional Siete Tazas, die Reserva Nacional Altos de Lircay, der Parque Vilches oder Tricahue, die zu Wander-, Trekking- oder Reittouren durch eine fabelhafte Landschaft mit artenreicher Flora und Fauna einladen. Im Winter kann man hier auch Skifahren. In der anderen Richtung hat man nach einer Stunde Autofahrt die Pazifikküste erreicht. Das Wasser ist zwar wegen des kalten Humboldtstroms zum Baden eher ungeeignet, aber einzigartige Felsenformationen und Dünenlandschaften faszinieren dafür umso mehr.
Zu den weiteren Ausflugszielen gehören verschlafene Kolonialdörfer, in denen die Zeit still zu stehen scheint oder auch eine der vielen viñas (Weingüter), wo man es sich bei geführten Weintouren und –verköstigungen gut gehen lassen kann. Und im Winter empfiehlt sich eine der Termen zu besuchen, die sich in der Nähe befinden.
Und wem die Decke in Talca doch mal auf den Kopf fallen sollte: die 6-Millionen-Metropole Santiago liegt nur 3 Stunden entfernt.
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